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ist das Dick sein gar nicht so verwerflich, wie es scheint:
Auf den ersten Blick schaut es so aus, als ob Schönheitsideale grenzenlos
wandelbar wären. Während beispielsweise in der Renaissance ein Doppelkinn als
sexuell attraktiv galt[1], begründet es heute nicht selten den Gang zum
Schönheitschirurgen. Auch das jeweils als ideal angesehene Körpergewicht
schwankt im Vergleich der Kulturkreise und Epochen enorm. Die Ansicht, dass sich
Schönheitsideale in völlig beliebiger Weise entwickeln, ist deshalb weit
verbreitet.Demgegenüber verweist die Attraktivitätsforschung darauf, dass die jeweiligen
Schönheitsideale bei aller kulturellen Variabilität durchaus auch
Gemeinsamkeiten aufweisen. Ihren Erkenntnissen zufolge gründet sich menschliche
Schönheit zumindest teilweise auf definierbare Faktoren, die einem relativen
Konsens zwischen Individuen und Kulturen unterliegen und möglicherweise
biologisch verankert sind – wie etwa die Makellosigkeit der Haut oder die
Symmetrie des Gesichtes. Schönheitsideale enthalten demnach einen
überindividuellen und überkulturellen „harten Kern“ – aus dem sich etwa die
Tatsache erklären könnte, dass die Schönheitsikonen vergangener Jahrhunderte und
Jahrtausende, wie beispielsweise die Venus von Milo oder Raffaels Madonnen auch
von heutigen Menschen als schön empfunden werden.Seit je setzen Menschen die unterschiedlichsten Mittel ein, um den jeweils
vorherrschenden Schönheitsvorstellungen zu entsprechen, sei es mit Hilfe von
Kleidung und Schmuck, auch Intimschmuck, wie Vaginapiercing oder auch
Brustschmuck, wie Brustwarzenpiercing, oder auch durch direkte Veränderungen des
Körpers.Von vielen Völkern sind sehr eingreifende Praktiken zur Körpermodifikation
bekannt, wie etwa das Zufeilen von Zähnen, die Verlängerung des Halses durch
Messingringe, das Einlegen von Scheiben in die Lippen (so genannte
„Tellerlippen“) oder das Anbringen von Narben auf der Haut.Diese Veränderungen dienen allerdings nicht nur der Attraktivitätssteigerung im
ästhetischen oder sexuellen Sinn, sondern transportieren oft eine viel weiter
gefasste soziale Botschaft, wie etwa die Zugehörigkeit zu einer Klasse, einem
Clan oder einem bestimmten Initiationsjahrgang.
Beim chinesischen Brauch des Füßebindens (Lotosfuß) wurden die Füße junger
Mädchen im alten China durch extremes Einbinden und Knochenbrechen zu Gunsten
eines Schönheitsideals verkrüppelt.
Der Brauch geht angeblich auf eine Geliebte des Kaisers Li Houzhu zurück, des
letzten Kaisers der Tang-Dynastie (975). Diese Tänzerin bandagierte sich die
Füße, um auf der goldenen, lotosblütenförmigen Bühne, die der Kaiser ihr bauen
ließ, besondere Leistungen vollbringen zu können.
Eine klare Trennung zwischen „sozialen“ und „ästhetischen“ Körperveränderungen
ist dabei meist nicht möglich. Schönheitsideale spiegeln immer auch die in der
jeweiligen Gesellschaft herrschenden Machtverhältnisse wieder. Gebräunte Haut
etwa, die von jeher ein Zeichen von Unterprivilegierung war, wurde in den 1960er
Jahren zum Schönheitsattribut, als die besser verdienenden Kreise das Mittelmeer
als Urlaubsziel entdeckten.
Auch die unter vielen Afroamerikanern verbreitete Vorliebe für geglättete Haare,
die Verbreitung operativ „verwestlichter“ Augenlider in vielen asiatischen
Ländern oder die zunehmende Häufigkeit von Nasenoperationen im Iran zeigen,
welche gewichtige Rolle sozioökonomische Faktoren in der
Attraktivitätswahrnehmung spielen.
Menschen, die nicht dem jeweils herrschenden Schönheitsideal entsprechen, können
hierdurch Nachteile in Gestalt von Diskriminierungen erleiden, die auch von
anderen Faktoren wie etwa dem Geschlecht abhängen. Für die Diskriminierung
aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes wird in jüngster Zeit der Begriff
Lookism benutzt
Das im Westen seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts modisch gewordene
Schlankheitsideal hat im historischen und interkulturellen Vergleich eher
Seltenheitswert. Insbesondere weibliche Attraktivität wurde und wird in den
meisten Gesellschaften mit einem wohlgerundeten Körper und insbesondere mit
vollen Hüften in Verbindung gebracht. Eine ethnographische Studie ergab, dass in
knapp der Hälfte der untersuchten 62 Kulturen dicke Frauen als attraktiv gelten,
bei einem Drittel werden mittlere Gewichtsklassen und nur bei 20 Prozent dünne
Figuren bevorzugt[3]. Mit dem Fortschreiten der Globalisierung breitet sich das
westliche Schlankheitsideal weltweit derzeit immer stärker aus – und mit ihm
auch dessen negativen Begleiterscheinungen.
Die großen Unterschiede bei der als ideal geltenden Körperfülle werden in der
Regel mit dem jeweils unterschiedlichen Nahrungsangebot erklärt: Wo die
Versorgungslage unsicher ist, wird Fett zum Statussymbol. Umgekehrt ist in
Zeiten des Überflusses ein schlanker Körper ein begehrtes Luxusgut. Nach
ethnologischen Untersuchungen spielen jedoch auch andere Faktoren eine Rolle,
insbesondere die Stellung der Frau: Je mehr Macht Frauen haben, desto eher
bevorzugen ihre Männer schlanke Partnerinnen. Auch das Klima scheint das
Körperideal zu beeinflussen: Je wärmer die Gegend, desto eher gilt ein schlanker
Körperbau als attraktiv. Über die Hälfte der interkulturellen Unterschiede im
Körperideal lassen sich allerdings durch definierbare Umwelteinflüsse nicht
erklären und sind offenbar schlichtweg eine Frage der Mode [4].
Im historischen Rückblick scheinen die Modeideale der jeweiligen Epochen
zwischen den beiden Polen der weiblichen Attraktivität – „Fraulichkeit“ und
„Jugendlichkeit“ – hin und her zu schwanken. Während bestimmte Epochen (wie etwa
das Mittelalter) eher schlanke, jugendliche Formen bevorzugten, war in anderen
(wie in der Renaissance) das „Vollweib“ attraktiv. Auch die auf den männlichen
Körper bezogenen Schönheitsvorstellungen scheinen der Polarität von Reife und
Jugendlichkeit – Mann und Jüngling, Herkules und Adonis – zu unterliegen.
Verglichen mit den hohen Schwankungen der weiblichen Figurideale ist das Bild
der idealen Männerfigur jedoch deutlich stabiler.
Zur Jahrhundertwende kam das Korsett langsam außer Gebrauch. Mit der
Jugendbewegung breitete sich das Ideal des schlanken, jugendlichen, durch Sport
geformten Körpers aus, das das gesamte Jahrhundert bestimmen sollte. In den
„Roaring Twenties“ gesellte sich zum Ideal der gesunden „Natürlichkeit“ der
großstädtisch-dekadente Gegentyp der „Garçonne“ hinzu, deren Kennzeichen der
durch einen Leibgürtel flachgedrückte Busen, ein blasser Teint, kurzgeschnittene
Haare, schwarz umrandete Augen und ein roter Schmollmund waren.
Die Nationalsozialisten setzten dieser in ihren Augen "entarteten"
Schönheitsströmung ein jähes Ende. Schlanksein war jedoch weiterhin ein
absolutes Muss, wenn jetzt auch wieder etwas mehr Fraulichkeit sein durfte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte eine kurze, für das 20. Jahrhundert einmalige
Renaissance der üppigen weiblichen Formen ein, verkörpert in Filmstars wie
Marilyn Monroe und Brigitte Bardot. In den 60ern schlug das Pendel wieder zurück
- mit der Jugendbewegung der 68er griff ein nie dagewesener Schlankheitskult um
sich, dessen Ikone das britische Lolita-Model Twiggy wurde.
In den 1980er Jahren erfasste die Bodybuilding-Welle Mann und Frau
gleichermaßen.
Bis heute gehört ein durchtrainierter Körper zu den als unerlässlich erachteten
Attraktivitätskriterien. In den 1990er Jahren wurde der „Waschbrettbauch“ von
den neu entstandenen Männerzeitschriften mit Erfolg als Synonym für männlichen
Sexappeal propagiert. Dem idealen weiblichen Körper wird heute neben sportlicher
Schlankheit durchaus auch eine „weibliche“ Komponente abverlangt, die sich
allerdings mehr auf die Brüste als die Hüften bezieht.
Bekannt sind die als „typisch westlich“ erachteten Folgen des
„Schlankheitsideals“ wie etwa die Diskriminierung von Dicken (vergl. Lookism)
oder Essstörungen wie Magersucht oder Ess-Brech-Sucht. Magersucht soll
allerdings auch schon im Alten China verbreitet gewesen sein, zumindest bei den
höfischen Frauen während der Tang-Dynastie
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